Medical Detective Storys

Ein schwieriger Opa

„Papa!“, rief Anna von der Tür, „bist du fertig?“

Bevor er antworten konnte, stand sie schon in der Tür zu seinem Schlafzimmer.

„Das kann doch wohl nicht wahr sein! Du bist ja noch nicht einmal angezogen. Wir müssen los. Dein Termin ist in einer halben Stunde und ich muss dann die Kinder pünktlich aus dem Kindergarten und der Schule abholen.“ Ihr vorwurfsvoller Tonfall war kaum zu überhören.

„Schnell, beeile dich.“

Dragan setzt sich auf, macht aber keine Anstalten aufzustehen. Stattdessen starrte er ins Leere vor sich hin. Warum musste bloß alles immer so schnell gehen. Mit dreiundachtzig wollte er sich nicht mehr beeilen müssen. Und dann auch noch immer diese Arztbesuche, die das Wasser auch nicht aus seinen Beinen saugten. Jedes Mal bekam er noch mehr Tabletten wegen seines Bluthochdrucks. Er hatte schon überlegt, gar keine Tabletten mehr zu nehmen. Sie machten ihn immer nur müde, so wie heute Morgen. Nach dem Frühstück hatte er sich nur noch einmal kurz hinlegen wollen, war aber prompt eingeschlafen. Er wusste auch, dass Anna viel um die Ohren hatte mit drei kleinen Kindern und einem anspruchsvollen Beruf.

Morgen würde er mal wieder für alle kochen, wenn ihn seine Beine nicht allzu sehr schmerzten.

Der frühere Hobby-Koch wohnte in der kleinen Einliegerwohnung im Haus seiner Tochter und wusste daher genau, wie viel sie jeden Tag leistete. Er konnte sich jedoch oftmals einfach nicht aufraffen ihr zur Hand zu gehen. Er wollte seine Ruhe, kein Kindergeschrei und keine Vorhaltungen von seiner Tochter und schon gar keine schlauen Ratschläge von seinem Besserwisser Schwiegersohn.

„Ich habe mir extra frei genommen, damit ich dich zum Arzt begleiten kann. Nun beeil dich wenigstens ein bisschen, Papa“, sagte sie ungeduldig.

Er stand auf und zog sich an. Als sie anfing, an den Knöpfen seines Hemdes herum zu fummeln, wandte er sich mit einem Knurren genervt ab.

Sie zog sich zur Tür zurück und rief aus dem Flur: „Steck bitte deine Brieftasche ein, damit du deine Versichertenkarte dabeihast und anschließend kannst du die Kinder und mich noch zum Eis essen einladen.

„Er griff nach seiner Brieftasche, steckte sie in die Tasche seines Jacketts und dachte bei sich, dass er niemanden einladen würde. Er brauchte sein Geld für sich. Seit er bei Anna wohnte blieb von seiner Rente ein guter Batzen übrig, weil er ja keine Miete mehr zahlen musste. Seine Einkäufe erledigte meist Anna und schien kein Geld dafür haben zu wollen. Seine größte Freude war es inzwischen, seine Kontoauszüge am Ende des Monats abzuheften.

 Es war ihm nicht immer so gut gegangen. Er hatte schwer kämpfen müssen, damit Anna studieren konnte und als sie mit ihrem Mann ihre kleine Druckerei gründete, hatte er ihr finanziell unter die Arme gegriffen. Er war den Enkelkindern gegenüber großzügig gewesen und hatte noch vor kurzem jedem Kind ein neues Fahrrad geschenkt.

Aber damit war es jetzt erst einmal vorbei. Er wollte sein Geld jetzt für sich behalten. Man wusste ja nie, was noch passierte. Er konnte schließlich nicht dauernd sein Portemonnaie zücken. Sein Freund Heinrich vom Seniorentreff hatte immer alles für die Familie bezahlt und als er nichts mehr hatte, war er von seiner Tochter ins Altenheim abgeschoben worden. Das wollte er sich ersparen. Zugegebenermaßen war Heinrich aber auch ein bisschen durcheinander und wusste manchmal gar nicht, wo er denn jetzt wohnte. Aber seine Geschichte war Dragan eine Warnung gewesen.

Als er endlich soweit war, stieg er zu Anna ins Auto und sie fuhren zur Praxis seines Hausarztes. Unterwegs schwiegen sie zunächst. Als sie an einer roten Ampel warten mussten, wandte sich Anna zu ihm: „Papa, so kann es nicht weitergehen. Du musst dich mehr einbringen. Jan sagt das auch.“

Das hatte ihm gerade noch gefehlt, dass dieser Schnösel, den seine Anna geheiratet hatte und mit dem sie angeblich ach so glücklich war, ihm vorschrieb, was er zu tun und zu lassen hätte. Das musste er sich nicht gefallen lassen.

An der Praxis angekommen fand Anna schnell einen Parkplatz und zerrte ihn schon fast aus dem Auto.

„Langsam“, mahnte er sie und strich sein Jackett glatt.

Sie erreichten die Praxis gerade noch rechtzeitig und kaum angemeldet nahm ihn eine der netten Sprechstundenhilfen auch schon mit in eines der Behandlungszimmer. „Der Herr Doktor kommt dann gleich. Warten Sie bitte noch einen Augenblick. Es wird nicht lange dauern.“ Dann verschwand sie und kurz darauf kam der Arzt.

„Was kann ich denn für Sie tun, Herr Kovac?“

„Ich nehme an, meinen Blutdruck messen“, antwortete Dragan desinteressiert und fügte hinzu: „Meine Tochter hat mich hierher geschleift.“

Der Arzt starrte währenddessen auf den Bildschirm seines Computers und griff dann nach der Manschette des Blutdruckmessgeräts. Diese legte er Dragan um den Arm und deutete an, dass er nicht mehr reden sollte. Nach der Messung schüttelte er mit ernster Miene den Kopf und sagte: „Ihr Blutdruck ist viel zu hoch. Haben Sie heute Morgen schon die Tabletten genommen, die ich Ihnen das letzte Mal verschrieben habe?“

Dragan nickte, obwohl das glatt gelogen war. Er hatte seine Medikamente heute Morgen glatt vergessen und als sie ihm einfielen, hatte er keine Lust gehabt noch einmal aus seinem Bett aufzustehen.

Der Arzt stand auf und ging vor Dragan in die Hocke, um seine Beine zu untersuchen. Er drückte auf die Knöchel und meinte dann: „Die sind voller Wasser. Sie müssen ihre Tabletten nehmen. Ist Ihre Tochter im Wartezimmer? Ich würde sie gern dazu rufen, wenn Sie nichts dagegen haben.“

Er hatte sehr wohl etwas dagegen und schüttelte heftig den Kopf. „Hören Sie, wenn ich meine Tabletten nehmen soll, dann mache ich das auch, aber nur, wenn ich das will. Ich brauche keinen Aufpasser.“

„Ist ja schon gut. Sie müssen Ihre Tabletten jedoch nehmen, damit Ihr Zustand sich nicht verschlechtert. Bitte achten Sie darauf. Ich schreibe Ihnen noch etwas auf, was außerdem das Wasser aus ihren Beinen beseitigt. Probieren Sie das aus und in vierzehn Tagen sehen wir uns wieder.“

Ach herrje, Anna müsste dann schon wieder freinehmen. Das würde ja was geben.

„In Ordnung, Herr Doktor.“ Dragan ergriff die ausgestreckte Hand des Arztes und verabschiedete sich.

Er ging langsam zurück ins Wartezimmer und winkte seiner Tochter zu, die mit ihrem Handy beschäftigt war. Sie stand sofort auf und kam zu ihm.

„Fertig? Was hat er gesagt?“

„Ja, ich bin fertig. Alles ist in Ordnung.“ Das mit dem Termin in zwei Wochen behielt er für sich. Was sollte das denn auch bringen?

„Dann holen wir jetzt schnell die Kinder und fahren zur Eisdiele, einverstanden?“

„Klar doch. Wegen mir. Aber ich habe nicht mehr genug Bargeld, um für alle zu zahlen.“

„Das kann doch nicht sein, Papa, ich habe dir doch vor drei Tagen erst hundert Euro von der Bank geholt. Was hast du denn mit dem Geld gemacht?“

„Das geht dich nichts an, was ich mit meinem Geld mache.“ Sie musste ja nicht wissen, dass er sein Geld nach und nach von seinem Konto holen ließ, um es in seiner Wohnung zu verstecken. Da konnte ihm wenigstens niemand etwas wegnehmen.

Sollte sie doch jetzt den Kindern ihr Eis bezahlen.

„Jan und ich haben schon überlegt, ob du nicht wieder das Kochen für die Kinder mittags übernehmen könntest. Damit wäre mir schon sehr geholfen. Was meinst du, Papa?“

Schon wieder dieser blöde Jan. Warum sollte er sich jeden Tag abplagen? Sollte Jan doch kochen. Schließlich waren es ja auch seine Kinder. Nur weil er einmal Koch gewesen war, musste er doch jetzt nicht wieder arbeiten müssen. Er war froh gewesen, als er die Kochschürze an den Nagel hatte hängen dürfen, obwohl er gerne und sehr gut gekocht hatte. Aber warum sollte er sich jeden Tag an den Herd stellen? Er wollte keine Verpflichtungen. Wenn die Kinder jeden Tag bei ihm wären, würde es nicht lange dauern und er müsste das eine oder andere für sie bezahlen und dann müsste er sein kostbares Geld ausgeben. Jan würde dann sicherlich überlegen, dass sein Schwiegervater ja auch den Einkauf machen und bezahlen könnte. Der Junge war schon raffiniert. Aber nicht mit ihm.

„Nein“, antwortete er, „das kommt überhaupt nicht infrage. 

Dafür bin ich zu alt und zu krank. Der Arzt hat gesagt, dass ich mich wegen meines Herzens nicht anstrengen oder aufregen darf.“

„Ach Papa, das ist aber schade. Den Kindern hätte es sehr gut gefallen. Bei dir hat es ihnen immer geschmeckt. Warum bist du nur so knauserig und abweisend geworden?“

Das wusste er ja selbst nicht so genau, wähnte sich aber im Recht, weil er ja für sich vorsorgen musste und sein Geld weder verschenken konnte noch wollte.

Am Kindergarten lief Anna schnell in das Gebäude und kam mit Marie und Nils wieder heraus. Die beiden krabbelten auf die Rückbank, Anna schnallte sie an und verkündete ihnen, dass sie zur nächsten Eisdiele fahren würden. Aufgeregt jubelten die beiden und plapperten auf ihre Mutter und ihren Opa ein.

In der Eisdiele blieb Dragan stur dabei, dass er nicht genug Bargeld dabeihätte, um die Rechnung zu begleichen. Er weigerte sich außerdem dem kleinen Nils zwei Euro für eine kleine Tüte mit den leckeren italienischen Keksen zu geben. Als der Junge sich enttäuscht und den Tränen nahe auf seinen Platz setzte, platzte Anna endgültig der Kragen.

„Jetzt reicht es aber wirklich, Papa. Der Junge hat dich ganz lieb gefragt. Was ist bloß los mit dir, dass du so ein Geizkragen geworden bist.“

Sie kramte in ihrer Handtasche. „Meine Freundin hat mir die Adresse eines Medical Detektives gegeben. Das bedeutet medizinischer Detektiv. Dort werde ich mal anrufen und einen Termin vereinbaren. Es muss doch einen Grund geben, dass du dich so verändert hast. Ich erkenne dich ja kaum wieder.“ In ihrer Stimme war Verzweiflung zu hören und ihm wurde klar, dass sie wirklich beunruhigt war. Also ließ er sie ausreden, lächelte und sagte zu ihr: „Anna, mein Schatz, vereinbare den Termin und ich verspreche, dass ich hingehe und mir alles anhöre.“

Ein paar Tage später klingelte bei mir das Telefon. Es war Anna, die mir ihr Leid klagte, und mich darum bat doch irgendetwas zu finden was ihrem Vater helfen könnte. Ich unterhielt mich lange und ausgiebig mit ihr und machte mir zu allem Notizen. Dann bat ich sie mir doch ein Bild von ihrem Vater zu schicken. Das ist das Wichtigste, was ich von meinen Patienten/innen benötige. Ein Bild ist für mich das offene Buch in dem ich alles über und für meine Klienten/innen finde. Wir verabschiedeten uns von einander mit dem Versprechen, dass ich mich nach vollendeter Detektivarbeit sofort bei ihr melden würde. Gesagt – getan, das Bild kam umgehend und ich zog mich in meinen Arbeitsbereich zurück. Für die nächsten Stunden vertiefte ich mich in meine Arbeit. Ich erforschte die Mentalität, die Psyche und die körperliche Befindlichkeit und es kristallisierten sich verschiedene Homöopathika heraus. Sein psychologisches Konstitutionsmittel war schnell gefunden. Jetzt bestand das Problem nur darin, dass die Medizin möglichst in flüssiger Form sein sollte.

Damit war es für Anna leichter dies morgens im Tee zu servieren. Dragan lehnte ja inzwischen jegliche Form von Medizin ab. Er hatte sich ja lieber aufgegeben, als sich für seine Gesundheit einzusetzen. Nach langem Forschen fand ich die passende Medizin gegen seinen Bluthochdruck und auch gegen die Wasseransammlung in seinen Beinen. Jetzt blieb nur noch das eine Problem mit der Knauserigkeit. Aber auch dagegen war ein Kraut gewachsen. Schon zwei Tage später erhielt Anna die Liste der benötigten Präparate und wenige Tage danach erhielt Dragan seine Medizin: morgens im Tee. Die Veränderung zum Positiven trat schon sehr bald ein. Sein Blutdruck regulierte sich auf eine gesunde Höhe und seine Wasseransammlung in den Beinen verschwand fast unbemerkt. Zur Freude der gesamten Familie begann er wieder am Familienleben teilzunehmen. Seine Negativität wandelte sich über die folgenden Wochen in Lebensfreude. Als seine Kräfte wieder zurück kamen begann er sogar wieder für alle zu kochen. Er hatte fast wieder sein altes Leben zurückgewonnen, soweit das in dem fortgeschrittenen Alter möglich war. Obendrein verteilte er freudig kleine Beträge an die Enkel und lud die ganze Familie zum Essen ein. Bei den seltenen Kontrollbesuchen beim Arzt wunderten sich die Mediziner über seine Gesundheit. Dragan hatte so das Glück noch weitere sechs Jahre in Freude und bei guter Gesundheit zu leben.

„Anna“, sagte Dragan eines Morgens, „ich genieße unsere kleine morgendliche Teestunde ungemein und möchte sie um nichts in der Welt missen. Hier mit dir im Garten zu sitzen erinnert mich an die Zeit mit deiner Mutter. Wir haben uns auch jeden Morgen so ein Teestündchen gegönnt, bevor jeder seinen Aufgaben nachgehen musste.“

Anna nickte lächelnd und dachte bei sich, dass sie ihrem Vater ohne dieses Teestündchen niemals die Tropfen hätte einflößen können. Diese Zeit am frühen Morgen tat ihnen beide gut. Auch diese Rückbesinnung auf das, was wirklich wichtig war, dass die Zeit mit ihrem Vater kostbar war, dass sie selbst auch einmal innehielt und sich auf sich selbst besann, hatte sie der Medical Detective zu verdanken. Sie schloss die Augen und hörte ihrem Vater zu, wie er von ihrer Mutter erzählte. Der alte Mann war zufrieden, also war sie es auch.